Helene


Boxen und gebären


Normalerweise schauen wir uns ja keine Boxwettkämpfe im Fernsehen an. Aber irgendwie haben wir dann doch ein paar Wochen vor der Geburt unserer Tochter Fanny einen Weltmeisterschaftskampf im Superschwergewicht verfolgt. Das hat sich dann bei unserem eigenen „Kampf“ in der Villa Dullstein als gut erwiesen. Zwar tritt Helené sonst eher in der Klasse „Fliegengewicht“ an, an diesem speziellen Tag hätte aber auch Nicolai Valuev keine Chance gehabt.

In den ersten Runden hat sich Helene noch lachend beim Bewältigen der ersten Wehen fotografieren lassen. In den nächsten Stunden wich das Lachen dem ersten angestrengten Schwitzen und Stöhnen. So ungefähr in der fünften Runde entschied sich Helené, ohne großes Doping weiterzumachen.
Da hatte sie nämlich erfahren, dass sie in der Punktewertung vorne lag (der Muttermund war schon doppelt so groß wie in Runde 3). Ab Runde 6 wechselte sie den Ring und kämpfte unter Wasser weiter, die Wehen wurden jedoch immer schlimmer. Ihr ganzer Körper glühte rot, alle Poren waren geöffnet – das kann man sich ungefähr so vorstellen wie bei den Nahaufnahmen beim Boxen, wenn Schweiß, Spucke und Blut spritzen und der Zuschauer denkt: Das ist doch Wahnsinn, was die da machen!

In Helenés Ecke hatte sich Ringassistent Stefan auf das Abtupfen ihres Gesichtes mit eiskaltem Wasser verlegt, während Cheftrainer Agnes die taktischen Vorgaben machte: zum Beispiel „Tiefer tönen!“

In der zehnten Runde hat sich Helené übergeben müssen, stand am Rande der Aufgabe. In dem Moment erfuhr sie aber, dass die beiden letzten Runden anstehen. Sie sammelte all ihre Kraftreserven und steckte sie in diesen Fight. In Runde 11 ließ sich erstmals ein bisher versteckter Zuschauer sehen, wenn es auch nur 2cm vom Köpfchen waren. Helené  war zusätzlich motiviert, sie hatte den WM-Titel der Mütter aller Klassen vor Augen. Ihre Schreie dürften an diesem Abend in allen Stadien der Umgebung zu hören gewesen sein. Und auch in dem Vorbereitungskurs, der zeitgleich im Erdgeschoss der Villa stattfand und später psychologische Betreuung brauchte.

In Runde 12 schließlich hatten die Wehen keine Chance mehr gegen Helené, die auf den Punkt genau die letzten Kraftreserven mobilisierte. Der Trainer drückte ihr den schönsten (und lebendigsten) Pokal in die Hände, den die Welt jemals gesehen hat: eine kleine Fanny, 50 cm groß, 3280 Gramm schwer und ziemlich blaugepresst.

Der Ringassistent nahm sich in diesem Moment vor, dem neuen Champion bei Auseinandersetzungen künftig vorsichtiger zu widersprechen.